B a r o c k k i r c h e   S t .   P e t e r



Barockkirche St. Peter

Klänge als Portale zur Selbstreflexion


Konzert der anderen Art mit Tara Bouman und Markus Stockhausen in der Barockkirche von St. Peter.

BZ, 06.05.2017; Bericht und Foto: E. Krieger

Rituale in einem Kirchenraum überraschen für gewöhnlich kaum, denn für deren Feier ist er gebaut. Ein Konzert mit diesem Titel, noch mit den Namen Markus Stockhausen und Tara Bouman verbunden, lässt jedoch aufhorchen. Offenbar viele, denn die Barockkirche in St. Peter ist am Sonntag voll besetzt.

Zunächst tut sich nichts, erwartungsvolle Stille erfüllt den prunkvollen Raum. Bezirkskantor Johannes Götz kündigt mit seltsam zurückhaltender Stimme eine "musikalische Unterhaltung von zwei Instrumenten mit allen Facetten ohne Programmzettel" an, wie sie nur ausgewiesene Könner führen könnten, die sich musikalisch intuitiv verstehen. In diesem Fall auch privat als Ehepaar. Bevor Götz schnell wieder abtritt, bittet er noch darum, auf Anfangsapplaus zu verzichten und die "Künstler still zu begrüßen". Doch diese sind noch unsichtbar, nur weich langgezogene Töne aus Klarinette und Trompete, erst leise, dann anschwellend, mal alleinstehend, mal überlappend füllen allmählich die Kirche.

Weit entfernt voneinander, auf verschiedenen Wegen, durchmessen die beiden Virtuosen das barocke Tonnengewölbe des Langhauses in Richtung Chor. Die musikalische Korrespondenz wird lebhafter, mal im Disput, mal als Schmeichelei oder gar tänzerisch, aber stets mit glasklaren Tönen selbst im leisesten pianissimo. Man spürt, dass jeder Ton, jede Klangfigur niemals eitlen Selbstzweck erfüllen, sondern als Wegbereiter für Antwort und eine erneute These des Partners fungiert, um sich schließlich im Gleichklang aufzulösen.

Im Chor angekommen, spricht Markus Stockhausen in knappen Worten über die Konzertstruktur aus einigen wenigen festgelegten musikalischen Themen und überwiegend freier Improvisation. Den extraordinären Raum erklärt er zum Mitspieler, dessen unterschiedliche Klangverhältnisse Tara Bouman und er möglichst optimal nutzen wollen und schon ist er auf dem Weg zum äußersten Ende des Chores, während sich seine Partnerin, nun mit Bassklarinette, in Richtung Seitenaltar aufmacht. So, vielen Blicken weitgehend entzogen, zwingt das Duo mit dem Namen Moving Sounds das Publikum, sich nur mit der Musik und sich selbst zu beschäftigen, denn den wahrlich bewegenden Klängen kann sich niemand verweigern. So entwickeln sich beim Hören vor dem geistigen Auge wie von selbst Geschichten und Bilder.

Die nächste Improvisation könnte zum Beispiel zu einer gedanklichen Kommunikation zweier räumlich getrennter Liebender passen, in dem passgenaue Phasen vollsten Einverständnisses von leisen Warum-Fragen verdrängt werden, die in diesem Fall keine Antworten finden. In einer Serenade mit einem festen Anfangsthema brechen sich Stockhausens spitzigklare Töne auf der Pikkolo-Trompete wie Lichtstrahlen ihre Bahn ins und durch das Kirchenschiff, notfalls auf Umwegen, um ihr Ziel auf dem behütenden und weichen Lager von Boumans Bassklarinettenflächen zu finden.

Bei "Mater Dolorosa" ist wiederum das Thema vorgegeben und wird von der Bassklarinette unentwegt wiederholt, während sich die Trompete improvisatorisch auf die Spuren der "Schmerzensreichen Mutter" begibt und die Besucher zur jeweils individueller Auseinandersetzung mit eigenen Leidenserfahrungen provoziert.

Dann präsentiert Stockhausen ein Solo auf einem einfachen, an einem Handgriff hängenden Becken. Unter seiner rhythmischen und unterschiedlich intensiven Bearbeitung mit einem Wollfilzschlägel entfaltet das einfache Blechteil eine solche Fülle von Obertönen, die ein ganzes Glockengeläut assoziieren lassen, das sich dann in der Ferne verläuft. Wer bisher Beckentöne auf vom Schlagzeug gewohnte Zischlaute reduziert hat, ist jetzt schlauer. Im Schlussdialog fassen die beiden Ausnahmekünstler scheinbar all die bisher gehörten Klangvariationen zusammen und schicken alle abermals auf eine innere Reise. Zunächst gehen sie wieder musikalisch und räumlich auseinander, um sich am Ende wieder zu treffen um mit einem grandiosen, im Kirchenraum lang nachhallenden Trompetenton, das tief bewegende, zur Selbstbesinnung animierende musikalische Ereignis abzuschließen. All dies von zwei Musikern erster Güte zelebriert, die sich auch selbst während ihres Spiels diesem Reflexionsprozess unterworfen haben.

Gut denkbar, dass ein solches Konzert zu den Erfahrungen gezählt werden kann, die jeder mindestens einmal im Leben gemacht haben sollte.


zurück