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Barockkirche St. Peter

Pressebericht zur "Schubertiade", Konzert im Rahmen des SOLsberg-Festivals


Ein Gipfel, dass nur Staunen bleibt
Ideal-Interpretationen: Sol Gabettas schweizerisches Solsberg-Festival mit einer Schubertiade auf Stippvisite in St. Peter.

BZ, 14.06.2016 von Heinz W. Koch; Foto: festival

Solsberg gibt’s nicht. Wohl aber Olsberg. Und auch das Solsberg-Festival. Sein Name ist ein Wortspiel – die Kombination des Weilers im Basler Hinterland und des Vornamens der in der Schweiz lebenden bedeutenden argentinischen Cellistin Sol Gabetta. Sie hatte die Idee zur prächtig gediehenen, unterdessen zum elften Mal abgehaltenen Festivität. In diesem Jahr überschreitet sie abermals die Grenze und bezieht Sulzburg, Hinterzarten und jüngst mit einer Schubertiade St. Peter ein, dessen Barockkirchenjuwel prompt brechend voll war.

Sabine Meyer (Klarinette), Gustavo Núñez (Fagott), Alejandro Núñez (Horn), Antje Weithaas und Alina Pogostkina (Violine), Veronika Hagen (Viola), Sol Gabetta (Violoncello), Robert Vizvari (Kontrabass): Das ist eine erlauchte Versammlung allererster Kammermusiker(innen). Ihre Auslegung von Franz Schuberts Oktett: ein Gipfel, dass nur Staunen bleibt. Anders mag’s gehen, besser nicht. Und das, nicht obwohl, sondern gerade weil eine Oktett-Elite am Werk war, die nur ad hoc, von Fall zu Fall zusammentrifft. Wie die Acht gleichsam ganz vorn auf ihren Stühlen sitzen, wie sie sich mit Aug’ und Ohr beobachten, wie sie einander Phrasierungen, Betonungen, Pointen anreichen und abnehmen, wie sie die Spannungsbögen über eine gute Stunde hin durchhalten – es ist grandios.

Irgendwo zwischen Divertimento, Serenade und Sinfonie nistet dieses Kammerwunder – ein Melos-Riese gibt seinem Drang ins Große nach. Materialreichtum, in St. Peter von acht Koryphäen am Rande der totalen Makellosigkeit ausgebreitet – schier gewagt in den Pianissimo-Bezirken und mit atemraubendem, fast schon aggressivem Elan beim Sprung in die Final-Rasanz. Immer wieder: phänomenal, wie sie sich nachgerade nicht satt singen können. Und auch dies macht dieser Trupp unmissverständlich bewusst: Dass Schubert vor der hier fast übermütig ausgespielten Kehraus-Seligkeit den Blick in die Hölle platziert – ein fremd und bedrohlich wirkender, reibungsreicher f-Moll-Komplex, ein knappes Seitenstück zu Webers "Freischütz"-Wolfsschlucht. Ovationen.

Kammerkunst vom Feinsten allerdings auch schon zuvor. Vor der Pause agierte eine Klavierquartett-Besetzung: die Damen Pogostkina und Hagen auch hier, dazu der Cellist Mischa Meyer und der Pianist Jérôme Ducros. Sie investierten ein hohes Maß an Finesse, Delikatesse und Brillanz in Wolfgang Amadeus Mozarts g-Moll-Werk KV 478. Der dunkle Glanz von Mozarts bevorzugter Moll-Tonart paarte sich mit erlesener Vortragskultur.

Und apropos "Drang zum Großen": Auch der 16-jährige Gustav Mahler lebte ihn in seinem a-Moll-Satz aus, seinem einzig überlieferten Kammermusikbeitrag. Dessen dramatische Schübe zielen unverhohlen in die spätere sinfonische Weite, und das rauschhaft ausgesponnene, griffige Themenmaterial überführten die Interpret(inn)en denn auch mit hohem, muskulösem Schwung in ein kraftvoll-orchestrales Klangbild. Vorzüglich wie alles an diesem glückhaften Spätnachmittag.


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