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Barockkirche St. Peter

Concert spirituel: Romantik im Quadrat im Fürstensaal

Sonntag, 4. November 2018, 17 Uhr im Fürstensaal



BZ, 08.11.18, Bericht und Foto: E. Krieger

Romantik im Quadrat im Fürstensaal

Text und Musik beim "Concert Spirituel" in St. Peter.

In der Konzertreihe des Bezirkskantorats St. Peter unter dem Begriff "Concert Spirituel" gehen Text und Musik jeweils eine eigenwillige Symbiose ein, die dem Zuhörer nicht selten überraschende, den Hör- und Verständnishorizont erweiternde Momente bietet. So auch dieses Mal im opulenten Fürstensaal des Geistlichen Zentrums.

Als ein Konglomerat von Verstrickungen könnte man das Konzertprogramm bezeichnen. Der musikalische Teil stand ganz im Zeichen von Robert Schumann. Dessen "Kinderszenen op. 15", denen wohl die meisten Klavierelèven in ihrem Unterricht begegnet sind und die deren Angehörige aus entsprechenden Vorspielen kennen, stand der gleichzeitig 1838 komponierte Klavierzyklus "Kreisleriana op. 16" gegenüber. Da Letzterer auf Schumanns Rezeption der Romanfigur des verwirrten Kapellmeisters Johannes Kreisler aus "Lebensansichten des Katers Murr" von E.T.A. Hoffmann basiert, lag es nahe, den Literaturpart des Abends aus diesem Werk zu schöpfen.

Schon in seiner Begrüßung half Bezirkskantor Johannes Götz, mit Informationen und indem er innere Zusammenhänge aufzeigte, einiges Licht in dieses komplexe Flechtwerk zu bringen. Alle drei Beteiligten – Schumann, Hoffmann und dessen Romanfigur Kreisler – glichen sich in ihrer skurrilen Weltabgewandtheit, die sie an den Rand des Wahnsinns und in unterschiedlichem Maße wohl auch darüber hinaus führte. Alle waren sie glühende Protagonisten der aufkommenden Romantik, allerdings auch darin einig, "sich dem devoten Klanglieferantentum bei Hofe wie dem hübschen Klingeling des Bürgersalons zu verweigern" (Johannes Götz).

Dann setzte sich der international renommierte Pianist und Dozent an den Musikhochschulen Freiburg und Stuttgart Alfonso Gómez an den Flügel, und schon mit der ersten Kinderszene "Von fremden Ländern und Menschen" legte sich ein spannungsgeladener Bann über den vollbesetzten Saal. Gómez hoch virtuoses Spiel machte wahr, was Schumann selbst über seine Musik sagte: "Kurz – man sieht alles." Die an sich schon bildhaften Überschriften wie "Hasche-Mann", "Bittendes Kind", "Ritter vom Steckenpferd" und "Fürchtenmachen" der Kinderszenen verwandelten sich in ihren vielfältigen Formen und Rhythmen vor dem geistigen Auge in Tönen gemalt in lebhafte Phantasiewelten. Dazwischen rezitierte Johannes Götz drei Hoffmann-Texte über und vom Kater Murr. Nach der musikalischen Szene "Kind im Einschlummern" setzte er den Kater-Monolog, der nach einer Kritik an den angeblich vernunftbegabten Zweibeinern mit ihrem vielbeschworenen "Bewusstsein" in der Aussage gipfelt, dass Vernunft nur dazu führe, keine dummen Streiche zu machen und er – Murr – deshalb mit keinem Menschen tauschen wolle.

Waren die "Kinderszenen" in weiten Teilen noch gemütvoll, kontrastierten die Stücke der "Kreisleriana" im zweiten Teil in ihrer rebellischen Wildheit diametral. Gómez trieb die Zuhörer in ein Gefühlschaos. Das lapidar mit "Äußerst bewegt" überschriebene erste Stück wurde unter seinen Händen zu dem Tonfeuerwerk, das dem "Ausflippen" des literarischen Vorbilds Kreisler bei dessen Vortrag der "Goldbergvariationen" bei einem "musikalischen Tee" in Hoffmanns Roman entsprach. Jähe Tonalitätswechsel von "Sehr innig" in "Sehr aufgeregt" meisterte Gómez mühelos. Unabhängig von der Dynamik erlangte jeder Ton bei ihm in den schnellsten Läufen Reinheit und Geltung. Mehr noch: Er befand sich im Diskurs mit ihnen, spürte ihnen nach, beglückwünschte sie mit Gesten. Es war, als ob er diese verzwickten äußeren und inneren Zusammenhänge mitspielte, sie ausstellte und ihnen diente. Und er brachte das Kunststück fertig, dabei noch selbst interpretatorische Position zu beziehen. Dies gelingt einem Meister wie Gómez nur dann, wenn er wie er, seinen Stoff vollkommen auswendig ohne Noten spielt.

Ein großes Konzert und ein weiteres Juwel in der Pretiosenkette der "Concerts Spirituels".


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