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Barockkirche St. Peter

DruckenInternationale Orgelkonzerte St. Peter 2017


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Willibald Guggenmos, St. Gallen
Sonntag, 27. August 2017, 17 Uhr


Programm



  Tomás Garbizu
(1901 - 1989)
Toccata con Diapente
     
  Arvo Pärt
(*1935)
Fratres
(Orgelbearbeitung: Rudolf Meyer)
     
  Johann Sebastian Bach
(1685 - 1750)
Bach Präludium und Fuge c-moll BWV 546
     
  Marcel Dupré
(1886 - 1971)
Poéme Héroïque op.33
     
  Thomas Alberg
(*1952)
Hommage à Piazolla
Bells in the Village
     
  Franz Liszt
(1811 - 1886)
Variationen über Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen
von Johann Sebastian Bach

(Orgelbearbeitung nach der Klavierfassung von Marcel Dupré)
     


Willibald GuggenmoosWillibald Guggenmos wurde 1957 in Friedberg/Bayern geboren. Seine erste feste Anstellung als Organist erhielt er bereits im Alter von 10 Jahren. Das Studium absolvierte er an den Hochschulen für Musik in Augsburg (Konzertdiplom Klavier, Konzertdiplom Orgel, Kirchenmusik B, Klavierpädagogik) und München, die er mit drei Diplomen (Konzertfach Orgel, Kirchenmusik A und Meisterklassendiplom in Orgel) abschloss. Von 1984 bis 2001 war er Organist an der St. Martinskirche in Wangen/Allgäu. Im Jahre 1985 spielte er das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach in 11 Konzerten. In den folgenden Jahren folgten Gesamtaufführungen der Werke von César Franck, Léon Boëllmann, Franz Liszt, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Johann Gustav Eduard Stehle, Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Brahms, Maurice Duruflé, sowie den großen Orgelwerken von Max Reger, Marcel Dupré und Olivier Messiaen.
Von 2001 - 2004 war er als Kirchenmusiker und Organist am Dom "Zu unserer lieben Frau" in München tätig. Seit 2004 ist Willibald Guggenmos Domorganist an der Kathedrale in St. Gallen (Schweiz). Neben seinen liturgischen Verpflichtungen ist er dort künstlerischer Leiter der "Internationalen Domorgelkonzerte" und Dozent für Orgelspiel an der Musikakademie. Als Organist konzertierte er in nahezu allen Ländern Europas, in Island, Russland, USA, Kanada, Fernost, Australien, Neuseeland, China und den Westindischen Inseln. Die Presse bescheinigt ihm "überragende Technik und hinreißende Musikalität" (Bernhard Holland, Chefkritiker der "New York Times"). Zahlreiche Rundfunk-, Fernseh- und CD-Aufnahmen an bedeutenden Instrumenten (unter anderen an der Goll-Orgel der Stiftskirche Engelberg/Schweiz, der Cavaille-Coll Orgel in Azcoitia/Spanien und der legendären William Hill Orgel der Townhall Sydney/Australien) dokumentieren sein breit gefächertes Repertoire.







BZ, 29.08.15, Konzert Johnson 23.08.15, Bericht und Foto: Erich Krieger

Wenn die Orgel Geschichten erzählt

Willibald Guggenmoos präsentiert ein ungewöhnliches Konzertprogramm in St. Peter.

Es war das bisher modernste Programm bei den diesjährigen Internationalen Orgelkonzerten in der Barockkirche in St. Peter. Bis auf das "Präludium und Fuge c-Moll BWV 546" von Johann Sebastian Bach stammten alle übrigen Kompositionen aus dem 19. oder 20. Jahrhundert. Willibald Guggenmoos, Domorganist an der Kathedrale in St. Gallen und international gefeierter Konzert-Solist, eröffnete mit der "Toccata con Diapente" des 1989 verstorbenen baskischen Komponisten Tomás Garbizu. Nach einem furiosen Intro musste man sich in die abgehackte Rhythmik und die abrupten laut-leise Wechsel einhören, um die vorwiegend im Bass geführten Melodiefiguren als solche zu erkennen.

So konditioniert, konnte man sich den "Fratres" des zeitgenössischen estnischen Komponisten Arvo Pärt schon leichter öffnen. Perlende, auf Dreiklängen aufgebaute Glockentöne zogen sich immer wieder durch das ursprünglich für Streicher und Schlagzeug geschriebene Stück. Diese filigranen, durchaus provokanten musikalischen Thesen verteidigten sich geschickt gegen bis ans Martialische grenzende Angriffe und setzten sich letztlich fast spielerisch durch. Musik, die sofort vor dem geistigen Auge szenische Bilder entstehen ließ, die in dieses dramaturgische Schema passten. Die innere Spannung wurde durch bordunartige Basstöne immens verstärkt, vorgetragen mit technischer Perfektion.

Vielleicht als Erholungspause gedacht, bewies Willibald Guggenmoos mit schon erwähnter Bach-Komposition, dass er sich in der mehr traditionellen Orgelwelt ebenso heimisch fühlt. Aber kaum war der letzte Ton verklungen, wurde es wieder ernst: Das "Poème Héroique op. 33" von Marcel Dupré, für Blechbläser und Orgel geschrieben, stand auf dem Programm. Guggenmoos hat das den Opfern der grausamen Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg gewidmete Stück selbst für die Orgel bearbeitet. Wiederum erwies sich dieses vielseitige Instrument als Geschichtenerzähler, diesmal tragisch. Die Barockkirche in St. Peter durchzog Geschützdonner, vorrückende Soldatenstiefel malträtierten die Felder von Verdun, der Kampf eskalierte, ebbte ab, und Pulverdampf verflog über den Toten in den Schützengräben. Nur, um alsbald die Kampfhandlungen wieder entstehen zu lassen, die diesmal unerbittlich in ein "alles rennet, rettet, flüchtet" mündeten.

Ein ebenfalls düsterer Hintergrund, die politischen Auseinandersetzung in Argentinien nämlich, lag der dann folgenden "Hommage à Piazolla" von dem schwedischen Komponisten Thomas Alberg zugrunde. Minimalistische, bisweilen rätselhafte Klangfiguren ließen Bilder der argentinischen Mütter entstehen, die verzweifelt Aufklärung über das spurlose Verschwinden ihrer Söhne fordern. Völlig überraschend löst sich die Klangkonstruktion in einen klassischen Tango auf. Möglich, dass damit die Hoffnung auf ein letztliches Obsiegen des Volkswillens gegen die Diktatur ausgedrückt werden soll.

Dem Finalstück, den "Variationen über Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen von J.S. Bach" von Franz Liszt kann ein ähnliches narratives Muster zugemessen werden. Liszt hat Bachs Thema als Totenklage über den Verlust seiner Tochter bearbeitet, Guggenmoos bereitete in seiner Interpretation den Zuhörern ein Wechselbad verschiedenster Seelenzustände. Wahrscheinlich, um sich selbst zu trösten, setzte Liszt den bekannten Choral "Was Gott tut, das ist wohl getan" an das Ende.

Ein anspruchsvolles Programm, von Willibald Guggenmoos meisterlich vorgetragen, mündete in langanhaltendem, begeistertem Beifall.



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